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29.6.2012: Abgabe einer Regierungserklärung zur Stabilitätsunion - Fiskalvertrag und Europäischer Stabilitätsmechanismus
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir bewältigen dieser Tage eine der
außergewöhnlichsten Plenarwochen in der Geschichte unserer Republik. In dieser
besonderen Situation muss man einen kühlen Kopf bewahren. Deshalb ist es schon
verwunderlich, Herr Kollege Gabriel, dass Sie auf die sehr sachliche
Regierungserklärung der Bundeskanzlerin auf Wahlkampfniveau geantwortet haben.
Ich will nur einige wenige Bemerkungen vorausschicken. Wer hat denn das meiste
Wachstum in Europa ausgelöst? Wer ist die Wachstumslokomotive der europäischen
Entwicklung? Deutschland - wegen einer richtigen Politik, die betrieben wurde,
und des Fleißes der Menschen. 50 Prozent unserer Exportumsätze gehen in Form
von Aufträgen und Zulieferungen an die europäischen Nachbarländer. Ohne den
deutschen Exporterfolg hätten viele europäische Partner keine Beschäftigung,
keine Arbeitsplätze. Das ist die Relation. Ja, die demokratischen Parteien
mussten sich finden, um eine Zweidrittelmehrheit zustande zu bringen. Das ist
auch immer eine Bewährungsprobe für das Parlament. Da muss jeder ein Stück
geben. Wir haben mitgetragen, dass man eine Finanzmarktbesteuerung einführt.
Aber die Redlichkeit erfordert, zu sagen: Wenn Sie den Finanzsektor wirklich
beteiligen wollen, dann dürfen Sie nicht den Weg einer Umsatzsteuer gehen. In
der Einführung in die Finanzwissenschaft werden Umsatzsteuern dahin gehend
definiert, dass die Kunden diese tragen und nicht die Produzenten - Seite 2 der
Einführung in die Finanzwissenschaft. Letzte Vorbemerkung. Wer hat denn in
Deutschland in der Regierung dereguliert, Derivate zugelassen, Hedgefonds
eingeführt? Es war die rot-grüne Regierung. Den Drachen füttern und dann
Siegfried spielen wollen, das ist zu billig. In dem Miteinander hat sich
gezeigt, dass wir im Gegensatz zu Ihnen - Sie wollen alles der
Finanzmarktbesteuerung unterwerfen - darauf achten, dass Kleinsparer,
Riester-Sparer nicht zusätzlich belastet werden. Das ist etwas anderes. Einer
muss sich ja noch um die Riester-Sparer in Deutschland kümmern, wenn Sie es
nicht mehr tun. Meine Damen und Herren, mit dem Fiskalpakt und dem ESM betreten
wir europapolitisches Neuland. Wir betreten auch verfassungsrechtliches
Neuland. Wir ändern keinen Grundgesetzartikel, aber wir ändern die innere
Verfasstheit unserer Republik. Manche sprechen von einer stillen
Verfassungsänderung. Unsere Republik erfährt eine neue Prägung, eine Prägung,
die europäischer ist. Auch das Haushaltsrecht wird davon berührt werden.Aber
wir verpfänden die Kronjuwelen des Parlaments, die Haushaltsautonomie, nicht
leichtfertig. Wir wollen einen europäischen Kronschatz daraus machen, und zwar
aus Überzeugung. Europa selbst ist kostbar, sehr kostbar sogar. Deutschland hat
nur eine Zukunft in einem starken Europa, Europa hat nur eine Zukunft mit einem
starken Deutschland. Beides gehört zusammen. Es gibt Kolleginnen und Kollegen,
die heute nicht zustimmen wollen, nicht zustimmen können. Man kann hier zu
anderen Schlüssen kommen. Ich respektiere ihr Verhalten. Aber ich sage auch
klar und deutlich: Die große Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die zustimmen
wollen, haben genauso respektable Gründe für ihr Abstimmungsverhalten hier im
Hause. Auch sie haben lange gerungen und viele Gespräche geführt. Sie wollen
Schaden vom deutschen Volk abwenden. Sie sind davon überzeugt: Der
eingeschlagene Weg ist der richtige. Nicht nur der Bundestag, sondern alle
Verfassungsorgane sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Von Deutschland muss
ein Signal der Handlungsfähigkeit ausgehen. Das erwarten unsere Freunde und
Partner in Europa. Das erwarten unsere Partner in der Welt. Es ist richtig,
dass wir den ESM und den Fiskalpakt parallel auf den Weg bringen. Sie sind
Zwillingsschwestern der Stabilitätsunion. Wir bauen eine neue
Stabilitätsarchitektur in Europa. Es wird nationale Schuldenbremsen geben,
quasiautomatische Sanktionen, Klagemöglichkeiten vor dem Europäischen
Gerichtshof. Das alles hat entscheidend diese Bundesregierung durchgesetzt. Es
wird eben keine Euro-Bonds geben, was verfassungsrechtlich - das wissen Sie -
gar nicht geht. Es wird keine Altschuldentilgung geben, dass wir also die
Schulden von Europa über die 60-Prozent-Grenze hinaus - das sind über 2 000
Milliarden Euro - übernehmen, dass quasi der Handwerksmeister mit seinen
Steuerzahlungen für die Altschulden in Griechenland und Italien aufkommt. Das
kann nicht richtig sein. Das wird es nicht geben. Es kann auch keine
Bankenunion geben, die Herr Gabriel gefordert hat, bei der sozusagen die Oma
mit ihrem Sparkassenbuch in Deutschland für die Investmentbanker in Spanien
haftet. Das würde bedeuten, die Strukturen auf den Kopf zu stellen. Es muss
eine andere Entwicklungsperspektive geben. Wir haben fast zehn Jahre lang in
der Euro-Zone einheitliche Zinssätze gehabt. Diese haben die Länder leider
nicht zur Konsolidierung ihrer Staatshaushalte und zur Durchführung von
Strukturreformen genutzt. Es wäre deshalb absolut kontraproduktiv, ein
einheitliches Zinsniveau jetzt politisch einzuführen. Das würde zu Fehlanreizen
führen. Das würde das Vertrauen in die Euro-Zone nicht stärken. Der
Bundesbankpräsident hat dieser Tage zu Recht darauf hingewiesen. Der ESM tritt
an die Stelle der EFSF. Damit erhöht sich die Schlagkraft. Wir wissen, dass
Spanien und Zypern Hilfe brauchen. Hierzu werden sicsicherlich in den nächsten
Wochen Sondersitzungen nötig sein. Das müssen wir akzeptieren. Deshalb habe ich
an meine Fraktionskollegen appelliert, in der Nähe zu bleiben. Das werden sie
sicherlich tun. Wir sind alle für eine stark ausgebaute Parlamentsbeteiligung.
Deshalb sind wir 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche bereit, zu
beraten und zu entscheiden. Das kann ich für meine Fraktion erklären. Wichtig
ist, dass ohne den Willen Deutschlands und ohne den Willen des Bundestages
keine Mittel fließen können. Das setzt europaweite Maßstäbe. Deshalb ist die
strikte Konditionalität, mit der Zusammenhänge hergestellt werden, aber auch
die Bereitschaft, Veränderungen umzusetzen, zwingend. Der ESM darf kein
Instrument zur Finanzierung von Reformpausen sein. Der ESM ist kein Instrument
der Reformunwilligen, sondern der Reformwilligen. Er ist auch kein
Weichspülprogramm für Reformverweigerer. Wir brauchen stabiles Geld. Es muss
deshalb von Deutschland energisch dafür gesorgt werden, dass unser Geld stabil
bleibt. Das ist die Geschäftsgrundlage unserer Demokratie. Wenn das Geld
schlecht wird, wird alles schlecht. Zu Beginn der unseligsten Zeit Deutschlands
standen Inflation und Währungsreform, und am Ende standen wieder Währungsreform
und Inflation.Eine Partei der Freiheit kämpft gegen die Enteignung von Sparern
und Kleinanlegern und für stabiles Geld. Deshalb müssen wir auch europaweit
klare Mechanismen durchsetzen. Das sind wir den Menschen in unserem Land
schuldig. Eine Währung ist Ausdruck dessen, was ein Volk war, ist und sein
will. - Das hat Schumpeter einst gesagt. Die Deutsche Mark war Symbol für
Wiederaufstieg und Stabilität in Deutschland. Der Euro ist Symbol für Frieden
und Wohlstand in Europa. Deshalb muss er auf Solidität, Solidarität, aber auch
auf Stabilität gebaut werden. Darum geht es heute, und darum sollten wir uns
seriös kümmern. Den Wahlkampf führen wir anschließend.
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Rainer Brüderle



